
Selbständige stehen bei der Altersvorsorge vor einer anderen Ausgangslage als Angestellte. Keine bAV vom Arbeitgeber, oft keine Pflicht zur gesetzlichen Rente, dafür schwankende Einkommen und ein Steuersystem, das eigene Hebel bietet. Genau diese Mischung führt dazu, dass viele Selbständige entweder zu viel sparen und in der nächsten Auftragsflaute kündigen müssen oder gar nicht starten, weil das Thema unübersichtlich wirkt. Dieser Leitfaden ordnet die acht Schritte, mit denen eine Vorsorge entsteht, die schwankungsfest bleibt.
Inhalt
- Ausgangslage klären: GRV-Pflicht oder freiwillig
- Notgroschen und Steuerrücklage bauen
- BU-Schutz absichern
- Krankheits- und Hinterbliebenenrisiko prüfen
- Rürup als steuerlichen Schicht-1-Baustein einordnen
- ETF-Sparplan oder Police für Schicht 3 wählen
- Immobilie und Sachwerte realistisch einschätzen
- Beitragspflege und Auftragsschwankungen meistern
Schritt 1: Ausgangslage klären
Vor jeder Vorsorge steht die Frage, in welcher Schicht du überhaupt versichert bist. Die Regeln sind je nach Berufsgruppe sehr unterschiedlich.
| Berufsgruppe | GRV-Status | Versorgungswerk |
|---|---|---|
| Künstler, Publizisten | KSK-pflichtversichert | nein |
| Handwerker in der Handwerksrolle | pflichtversichert (oft mit Befreiungsoption nach 18 Jahren) | nein |
| Ärzte, Anwälte, Architekten | nein | ja, eigene berufsständische Pflichtversicherung |
| Freie IT-, Marketing-, Beraterberufe | nein, nur freiwillig möglich | nein |
| Selbständige Pflegekräfte, Hebammen | pflichtversichert | nein |
| Lehrerinnen ohne Beamtenstatus | Antragspflicht möglich | nein |
Faustregel: Wenn du nicht weißt, ob du pflichtversichert bist, frag die Deutsche Rentenversicherung mit einer Kontenklärung. Der Bescheid dauert 4 bis 8 Wochen und ist die Grundlage für jede weitere Planung. Mehr in Drei Schichten der Altersvorsorge, häufige Fragen.
Schritt 2: Notgroschen und Steuerrücklage
Bevor irgendein Vorsorge-Vertrag startet, brauchst du zwei Liquiditätspuffer. Diese unterscheiden Selbständige am stärksten von Angestellten.
| Puffer | Höhe | Wofür |
|---|---|---|
| Notgroschen | 6 Monatsausgaben | Auftragsflaute, Krankheit, größere Anschaffung |
| Steuerrücklage | 30 Prozent jedes Gewinns | Einkommensteuer, USt-Vorauszahlungen |
| Notgroschen, falls keine Krankentagegeld | 9 bis 12 Monatsausgaben | Längere Erkrankung ohne Einkommensfortzahlung |
Wer mit 3.500 Euro pro Monat lebt, sollte 21.000 Euro Notgroschen und parallel die laufende Steuerrücklage auf separaten Tagesgeldkonten halten. Ohne diese Basis kippt jede Rürup- oder ETF-Police bei der ersten Krise, mit teuren Stornoeffekten.
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Kostenloses Erstgespräch sichernSchritt 3: BU-Schutz absichern
Selbständige haben keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung und nur in seltenen Fällen Anspruch auf die volle Erwerbsminderungsrente. Wer als IT-Beraterin oder Architekt mit 40 berufsunfähig wird, verliert das Einkommen komplett, oft ohne staatlichen Auffang.
Faustregel: BU-Rente in Höhe von 70 bis 80 Prozent des durchschnittlichen Netto-Gewinns der letzten drei Jahre. Bei stark schwankendem Einkommen lieber am unteren Rand des Durchschnitts orientieren, damit der Beitrag tragbar bleibt. Mehr zur Auswahl in BU-Tarif solide, woran du es erkennst.
Wichtige Klauseln gerade für Selbständige: Verzicht auf abstrakte Verweisung, eine saubere Tätigkeitsbeschreibung im Antrag und eine umfangreiche Nachversicherungsgarantie für Karriere- oder Gewinnsprünge. Details in BU-Glossar: Leistungsprüfung, Rückwirkung, Nachversicherung.
Schritt 4: Krankheit und Hinterbliebene
Zwei Risiken werden oft vergessen, weil sie nicht direkt mit „Rente" zu tun haben, aber den ganzen Vorsorgeplan kippen können.
Krankentagegeld greift, wenn die Tätigkeit pausiert. Anders als Angestellte bekommen Selbständige keine Lohnfortzahlung. Ein Tagegeldsatz von 50 bis 80 Prozent des Netto-Tageseinkommens ab dem 22. oder 43. Tag ist sinnvoll, je nach Notgroschen-Höhe.
Hinterbliebenenschutz wird relevant, sobald Familie oder hohe laufende Kosten dranhängen. Eine Risiko-Lebensversicherung für 12 bis 25 Euro im Monat bei 300.000 Euro Versicherungssumme deckt 10 Jahre Familieneinkommen ab. Mehr im Leitfaden Familie und Altersvorsorge mit Kindern.
Schritt 5: Rürup als Schicht-1-Baustein
Erst jetzt kommt die eigentliche Altersvorsorge ins Spiel. Für viele Selbständige ist Rürup (Basisrente) der erste sinnvolle Vorsorge-Vertrag, weil Beiträge bis zu 27.566 Euro pro Jahr (2026) zu 100 Prozent als Sonderausgaben absetzbar sind.
| Bruttogewinn | Empfohlener Rürup-Jahresbeitrag | Steuerersparnis (Spitzensteuersatz 42 Prozent) |
|---|---|---|
| 40.000 Euro | 4.000 Euro | rund 1.500 Euro |
| 60.000 Euro | 7.500 Euro | rund 3.000 Euro |
| 90.000 Euro | 12.000 Euro | rund 5.000 Euro |
| 120.000 Euro | 20.000 Euro | rund 8.400 Euro |
Faustregel: 10 bis 15 Prozent des Gewinns als Rürup-Beitrag, sofern alle vorherigen Schritte (Notgroschen, Steuerrücklage, BU) stehen.
Wichtig zu wissen: Rürup-Verträge sind nicht kündbar und nicht beleihbar. In der Auszahlphase wird die Rente nachgelagert mit dem persönlichen Steuersatz besteuert. Wer mit 45 oder höher startet, profitiert noch deutlich, weil der heutige Steuersatz meist über dem im Rentenalter liegt. Mehr in Riester, Rürup und private Vorsorge im Vergleich.
Schritt 6: ETF-Sparplan oder Police
Sobald Schicht 1 läuft, kommt Schicht 3 dran. Hier hast du zwei Hauptoptionen.
Der ETF-Sparplan im Depot ist die flexible Variante. Du sparst monatlich oder unregelmäßig in einen weltweit gestreuten Index, kannst jederzeit pausieren, erhöhen oder entnehmen. Steuerlich greifen Abgeltungsteuer plus Sparerpauschbetrag und Vorabpauschale. Genau die Flexibilität ist für Selbständige mit schwankendem Einkommen Gold wert.
Die ETF-Police im Honorartarif (Nettotarif) bietet eine fondsgebundene Rentenversicherung ohne Abschlussprovision. Vorteil: in der Auszahlphase greift bei langer Laufzeit das Halbeinkünfteverfahren, was bei mittlerem oder hohem Steuersatz oft günstiger ist als das Depot. Nachteil: weniger flexibel, höhere Mindestlaufzeit. Lohnt sich oft ab 20 Jahren Restlaufzeit. Mehr in Versicherungsmantel, Halbeinkünfte und Entnahme.
| Kriterium | ETF-Sparplan im Depot | ETF-Police Honorartarif |
|---|---|---|
| Flexibilität | hoch | mittel |
| Mindestlaufzeit | keine | typisch 12 bis 25 Jahre |
| Steuerwirkung Auszahlphase | Abgeltungsteuer | Halbeinkünfteverfahren ab 62 |
| Kosten | TER plus Depotgebühr | Mantelkosten plus TER |
| Eignung bei schwankendem Einkommen | sehr gut, jederzeit pausierbar | mittel, Beitragspause möglich |
Rechenbeispiel: IT-Beraterin, 35 Jahre, 65.000 Euro Gewinn
Annahmen: keine GRV-Pflicht, Notgroschen und Steuerrücklage stehen, gesund, Spitzensteuersatz 42 Prozent.
| Baustein | Monatlich | Jahresbetrag | Hinweis |
|---|---|---|---|
| BU-Versicherung, 3.500 Euro garantiert | 120 Euro | 1.440 Euro | Klauseln Premium-Tarif |
| Krankentagegeld, ab Tag 43 | 60 Euro | 720 Euro | 100 Euro Tagessatz |
| Rürup mit Honorartarif | 600 Euro | 7.200 Euro | Steuerersparnis ca. 3.000 Euro |
| ETF-Sparplan, breit gestreut | 400 Euro | 4.800 Euro | jederzeit pausierbar |
| Risiko-Lebensversicherung (falls Familie) | 18 Euro | 216 Euro | 250.000 Euro Versicherungssumme |
Gesamt rund 1.200 Euro pro Monat. Bei 65.000 Euro Gewinn (rund 3.800 Euro Netto-Eigenanteil nach Steuer) ist das ein angemessener Vorsorge-Anteil von etwa 30 Prozent. Wichtig ist die Aufteilung: zwei Verträge sind unkündbar (Rürup, BU), drei sind flexibel pausierbar (ETF, Tagegeld, Risiko-LV). Das gibt Spielraum in Auftragsflauten.
Schritt 7: Immobilie und Sachwerte
Eine eigene Immobilie zur Selbstnutzung kann ein dritter Vorsorge-Baustein sein, ist aber kein Ersatz für Rürup oder ETF. Sie spart später Miete (kalkulatorischer Cashflow-Effekt), bindet aber Liquidität und verlangt Instandhaltungs-Rücklagen.
Faustregel: maximal so viel Immobilie, dass die monatliche Rate plus Rücklage 35 Prozent des durchschnittlichen Netto-Gewinns nicht überschreitet. Bei stark schwankenden Selbständigen-Einkommen lieber konservativer kalkulieren als bei Angestellten, weil bei Auftragsflaute die Bank trotzdem die Rate erwartet.
Renditeimmobilien zur Vermietung sind eine eigene Anlageklasse mit hohem operativem Aufwand. Wer das nicht aktiv betreiben will, fährt mit ETF-Sparplänen meist besser auf Rendite-pro-Stunde.
Schritt 8: Beitragspflege bei Auftragsschwankungen
Der häufigste Fehler von Selbständigen: in einem Top-Jahr eine zu hohe Rürup- oder Police-Sparrate vereinbaren, die im nächsten Jahr nicht mehr tragbar ist. Drei Mechanismen halten die Vorsorge stabil.
Erstens: Grund- plus Aufstockungsbeiträge bei Rürup. Du vereinbarst eine niedrige monatliche Basis (etwa 100 Euro) und stockst per Sonderzahlung jedes Jahr nach der Steuerklärung auf, je nach Gewinn. Das verhindert Beitragsstress in mageren Monaten.
Zweitens: ETF-Sparplan auf Stopp setzen, wenn Liquidität knapp wird. Anders als Versicherungen lässt sich ein Sparplan binnen einer Woche pausieren. Wer ihn pausiert, statt zu kündigen, verliert nichts und kann später nahtlos weitermachen.
Drittens: BU-Beitrag passt sich nicht automatisch dem Einkommen an. Wenn der Gewinn nachhaltig fällt, lieber die BU-Rente per Beitrags-Anpassung absenken als ganz kündigen, um den Schutz nicht zu verlieren.
Stolperfallen bei Selbständigen-Vorsorge
Drei Themen, die in meiner Beratungspraxis oft falsch laufen:
- „Mein Unternehmen ist meine Altersvorsorge." Klingt plausibel, ist aber selten belastbar. Was, wenn das Geschäftsmodell in 10 Jahren nicht mehr funktioniert oder du es nicht zum gewünschten Preis verkaufen kannst? Eine Altersvorsorge braucht eine zweite Säule außerhalb des Unternehmens.
- Rürup-Sofortabschluss in einer hohen Beitragsstufe nach einem starken Auftragsjahr. Beitragsanpassungen nach unten sind möglich, aber bürokratisch. Lieber niedrig starten und durch Sonderzahlungen aufstocken.
- Krankentagegeld vergessen. Wer 6 Wochen krank ist, hat keine Einnahmen, aber laufende Kosten. Krankenkassen-Tagegeld der GKV reicht meist nicht. Eine ergänzende private Krankentagegeld-Versicherung kostet 30 bis 80 Euro und schließt die Lücke.
Zusammenfassung als Tabelle
| Schritt | Was passiert | Pflicht-Output |
|---|---|---|
| 1 | Ausgangslage klären | DRV-Kontenklärung anfordern |
| 2 | Notgroschen plus Steuerrücklage | 6 Monatsausgaben Tagesgeld, 30 Prozent Steuerrücklage |
| 3 | BU sichern | 70 bis 80 Prozent Netto-Gewinn-Rente |
| 4 | Krankheit und Hinterbliebene | Tagegeld plus Risiko-LV falls relevant |
| 5 | Rürup einrichten | 10 bis 15 Prozent Gewinn, niedrige Basis |
| 6 | ETF oder Police | Flexibilität vor Optimierung |
| 7 | Immobilie einordnen | maximal 35 Prozent Rate plus Rücklage |
| 8 | Beitragspflege | Sonderzahlungen statt Beitragsänderungen |
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- Rentenlücke berechnen, so gehts
Dieser Leitfaden ersetzt kein Beratungsgespräch, sondern bereitet dich darauf vor.
Quellen und weiterführende Informationen
Vertiefende, offiziell geprüfte Informationen zu den im Beitrag genannten Punkten, kuratiert für Vorsorge nach Lebensphase:
- Deutsche Rentenversicherung – Rentenarten und Leistungen
- BMAS – Rente und Altersvorsorge
- Verbraucherzentrale – Altersvorsorge
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